Tanja Becker-Bender als Solistin im Violinkonzert von Beethoven mit dem Tokyo Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Ryusuke Numajiri

Tanja Becker-Bender als Solistin mit dem Orchester des Teatro Carlo Felice Genua unter der Leitung von Marko Letonja

Photo: Christian Steiner

Tanja Becker-Bender  als Solistin  im Violinkonzert von  Peter Tschaikowski  in Begleitung durch das Nationale Polnische Radio-Symphonieorchester unter der Leitung von Antoni Wit

Tanja Becker-Bender als Solistin mit dem Orchester des Teatro Carlo Felice Genua unter der Leitung von Marko Letonja
Tanja Becker-Bender

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Zeitschrift der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Ausgabe Sept/Okt 2004

Zeitschrift der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Ausgabe Sept/Okt 2004 Tiefenresonanz

Die Geigerin Tanja Becker-Bender

"Vielleicht", sagt Tanja Becker-Bender, als ihr Gegenüber schon den Finger am Ausschaltknopf des Aufnahmegerätes hat, "vielleicht darf ich noch zwei Worte über meine Geige sagen?" Aber ja doch, gerne ... Und so erzählt die junge Geigerin von ihrem Glück, eine Guarneri del Gesù spielen zu dürfen: eine Geige, die, wie sie sagt, "für mich ganz besonders reizvoll ist, weil sie sehr dunkle Klänge produzieren kann und nicht nur die brillanten Seiten betont. Eine Geige, die etwas ganz Persönliches, Warmes hat im Klang." Gut, daß das Tonband noch läuft. Denn wenn Tanja Becker-Bender über ihr Instrument spricht, hat man den Eindruck, sie spreche unwillkürlich auch über sich selbst. Geigerin und Geige. Eine Künstlerin wie eine Guarneri del Gesù: sonore Tiefe, die auf äußerliche Brillanz nicht angewiesen ist.

Sicherlich kann man Tanja Becker-Bender auch anders präsentieren. "Amadeo", das Musikmagazin der deutschen Illustrierten "Stern", reservierte ihr eine Titelgeschichte mit allem, was dazugehört: exzellentes Coverphoto und brillanter Text. Zitat: "Sie ist attraktiv, hochintelligent und wird von der Kritik als "große Künstlerin" und "Entdeckung" gefeiert ... Tanja Becker-Bender. Ausnahmetalent." Stimmt alles - genauso wie das Faktum, das "Amadeo" selbstverständlich nicht unerwähnt ließ.

Neben ihrer intensiven Ausbildung als Geigerin, ersten Konzertauftritten und internationalen Wettbewerbserfolgen hatte Tanja Becker-Bender noch die Kapazität, eine Klasse zu überspringen und das Abitur vorzeitig abzulegen. Notendurchschnitt: 1,0.
Mühelos könnte man den "Stern" fortschreiben und Glanzpunkt an Glanzpunkt reihen. Der Pressespiegel glitzert von strahlenden Zitaten. "An den Grenzen zum Paradies" (El Pais, Montevideo); "völlig ausgereifte Virtuosität und phänomenale Intensität des Ausdrucks und der Balance" (Frankfurter Allgemeine Zeitung); "so sollte immer gespielt werden" (Süddeutsche Zeitung); "das Maximum" (Frankfurter Rundschau) ...

Sternstunden ohne "Stern"-Journalismus
Wie gesagt: Mit leichter Hand könnte man den "Stern"-Journalismus prolongieren und die 26jährige als neuen Star am Künstlerhimmel affichieren. Aber so, wie sie einem gegenüber sitzt und über sich Auskunft gibt, läßt sie jeden Ansatz von Glamour-Glitzer-Public-Relations von vornherein ins Leere laufen. Da braucht es erst gar nicht das Statement, daß sie die "Vermarktung" junger Klassikkünstler im Stil von Popstars äußerst bedenklich finde. Nein, man merkt es in allem, was sie sagt und wie sie es sagt: Es geht ihr nicht um die brillante Seite, sondern um die dunklen, warmen, persönlichen Töne: musikalische Tiefenresonanz wie bei ihrem zweiten Ich, der Guarneri del Gesù.

Dazu paßt, daß ihr Debüt im Musikverein nicht im geringsten auf solistische Selbstdarstellung ausgerichtet ist. Es handelt sich um einen Duoabend mit dem Pianisten Oliver Kern - um einen wirklichen Duoabend, das ist ihr wichtig zu betonen. Fast scheint es ihr ein wenig unangenehm, ohne ihren Duopartner zu Wort zu kommen. Ihrem Gerechtigkeitssinn aber wurde schon früher genüge getan. Oliver Kern, Erster Preisträger des Internationalen Beethoven-Wettbewerbs, war anläßlich seines Solodebüts im Musikverein bereits Gast der "Musikfreunde". Seit vergangenen Herbst arbeiten die beiden zusammen - in einer intensiven, künstlerisch enorm ertragreichen Partnerschaft. Ein halbes Dutzend Programme wurde in einem halben Jahr erarbeitet und auf internationalen Podien präsentiert, selbstverständlich mit nachlesbarem Erfolg: "Es gibt keine Vollkommenheit auf Erden. Aber für zwei Sternstunden der Kammermusik vergaß man das" (Bonner Rundschau).

Wien - New York - Wien
Doch vergessen auch wir nicht unseren Vorsatz: Trotz aller "Sternstunden" kann "Stern"-Journalismus nicht die Devise für einen Text über Tanja Becker-Bender sein. Der Fokus muß vielmehr auf der tiefen Ernsthaftigkeit liegen, mit der sie an die Musik herangeht - ein Ethos, das auch mit der Musikstadt Wien zu tun hat. Hier hat sie bei Günter Pichler studiert. Und Pichler, einer ihrer wichtigsten Lehrer, hat ihr genau dies vorgelebt: "das immerwährende Hinterfragen, das kritische Reflektieren auch des eigenen Ansatzes, den Mut, Extreme zu realisieren, wenn sie vom Ausdruck her gefordert sind. Das ist auch für mich etwas ganz Wichtiges geworden." Wien, sagt die gebürtige Stuttgarterin, sei so zu ihrer eigentlichen musikalischen Heimat geworden.

Hier hat sie von 1997 bis 2000 an der Musikuniversität studiert. Ein weiteres Studium an der Juilliard School New York schloß sich an. Robert Mann war ihr Lehrer an dieser weltberühmten Kaderschmiede. Sein Urteil, kurz und bündig: "I would describe her as world-class ..."
Schon wieder eine Verlockung in Richtung "Stern"-Journalismus. Doch bleiben wir auf Wiener Boden und bei Günter Pichler, dem sich die Geigerin auch während ihrer Amerikazeit eng verbunden fühlte. So machte sie, aus New York mit dem Diplom zurückgekehrt, auch noch die Abschlußprüfung in Wien. Ihre akademische Ausbildung ist damit definitiv abgeschlossen. "Aber selbstverständlich", sagt sie, "lernt man nie aus."

Intellekt und Intuition
Lernen hieß für sie schon von früh an: selbständig zu arbeiten. Dem Stuttgarter Wilhelm Melcher verdankt sie hier wichtige Impulse. Als einer ihrer ersten Lehrer machte er ihr Mut, auf sich selbst zu vertrauen, konstruktive Ansätze auch aus einem ganz natürlichen Zugang zu finden und Intellekt und Intuition in eine Balance zu bringen. Ein wichtiges Leitmotiv ihrer ganzen Studienzeit sei es gewesen, daß "Technik" niemals isoliert in den Vordergrund gerückt wurde - nach dem Motto: zuerst die "Technik", dann die Musik. "Damit", sagt sie, "kann ich mich nicht identifizieren. Technik dient dem Ausdruck. Das stand für mich glücklicherweise schon sehr früh fest."

Eine weitere Konstante ihrer Lehrjahre zeichnet sich im Rückblick deutlich ab. Nicht daß es Absicht gewesen wäre - aber auffallend ist doch, daß alle ihre wichtigen Lehrer vom Streichquartett her kommen: Melcher vom Melos-Quartett, Pichler vom Alban Berg Quartett, Mann vom Juilliard String Quartet.
Kammermusik spielt denn auch eine zentrale Rolle im musikalischen Sinnen und Trachten der Geigerin. Mit Freunden und Kollegen intensiv an Werken arbeiten zu können, ernsthaft bis zur letzten Konsequenz: Das sagt sie, sei schon ein besonderes Glück. Bei Orchesterkonzerten ist solches Glück naturgemäß schwerer zu finden, denn der Alltag des Konzertbetriebs reduziert die Zusammenarbeit mit Orchester und Dirigent oft auf ein absolutes Mindestmaß. "Bei meinem USA-Debüt", erzählt sie, "habe ich das Brahms-Konzert mit einem Durchlauf am Nachmittag gespielt, und abends war das Konzert. Das ist alles machbar, wenn man sich gut darauf vorbereitet, und dazu bin ich auch gerne bereit. Aber mein Ideal ist das nicht ..."

Sicherlich verbessern sich die Konditionen, je fester man sich im internationalen Konzertleben etabliert. Und da ist Tanja Becker-Bender auf dem besten Weg. In den USA hat sie vor kurzem einen Wettbewerb des Houston Symphony Orchestra gewonnen, der ihr einen lang gehegten Wunsch erfüllt: endlich einmal das 2. Bartók-Konzert zu spielen - noch dazu mit einem Spitzenorchester wie der Houston Symphony. Mit dem Komponisten am Pult interpretiert sie demnächst Cristóbal Halffters Violinkonzert gemeinsam mit dem Stuttgarter Kammerorchester; Marcello Viotti ist der Dirigent ihres Debüts beim Berliner Sinfonie-Orchester ... Programmierte Sternstunden, aller Voraussicht nach.

Nur eines trübt ein wenig ihren Blick in die Zukunft. Wenn sie dreißig ist, muß sie, den Vertragsbedingungen ihres Leihgebers gemäß, ihre herrliche Guarneri del Gesù wieder an den Deutschen Musikinstrumentenfonds zurückgeben. Bis dahin aber hat Tanja Becker-Bender noch vier Jahre Zeit - vier lange glückliche Jahre.

 

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