
amadeo (Musikmagazin des Stern) Debüt 02/99
Tanja Becker-Bender - Ausnahmetalent
Ergreifendes Spiel und überragende Intelligenz: Eine junge Virtuosin macht ihren Weg. Freimütig spricht sie über ihren Ehrgeiz, ihre große Liebe und den Funken, der überspringt
Sie ist attraktiv, hochintelligent und wird von der Kritik als "große Künstlerin" und "Entdeckung" gefeiert. Dem Spiel der 21jährigen Geigerin Tanja Becker-Bender wird Souveränität, technische Perfektion und phänomenale musikalische Sensibilität und Ausdruckskraft bescheinigt.
Ein beachtliches Lob für eine so junge Künstlerin. Sie verkörpert eine ideale Konstellation, die man auf dem Musikmarkt nur selten findet: Die außergewöhnliche musikalische Begabung wurde Tanja Becker-Bender wahrscheinlich von ihrer böhmischen Großmutter, einer Konzertmeisterin, in die Wiege gelegt. Im Alter von sechs Jahren erhielt Tanja Violinunterricht, und mit elf stand sie, bei den Salzburger Schlossfestspielen, erstmals als Solistin auf der Bühne. Schon damals wusste sie, dass sie Sologeigerin werden wollte. In einem Alter, in dem andere Mädchen "Bravo" lesen, nahm Tanja Becker-Bender an internationalen Wettbewerben teil. Sie gewann zahlreiche erste Preise und Stipendien. Ihrer Schulleistung tat dies keinen Abbruch. Sie zog das Abitur ein Jahr vor, Notendurchschnitt 1,0.
Ohne große Erwartungen beteiligte sich die gebürtige Stuttgarterin vor drei Jahren am Instrumentenwettbewerb der Deutschen Stiftung Musikleben und erspielte sich dabei ihr Wunschinstrument: eine historische Geige von Jean Baptiste Guadagnini aus dem Jahre 1761. Schon früh sammelte sie Erfahrungen mit internationalen Orchestern wie dem Ungarischen Symphonieorchester oder dem Belgischen Nationalorchester.
Ein besonderes Erlebnis war für sie ihr USA-Debüt beim Chautauqua Festival 1997 mit dem Violinkonzert von Johannes Brahms. Besonders beeindruckt hat sie die harmonische und unkomplizierte Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Uriel Segal. Ihre Ausbildung erhielt sie bei Geigenkoryphäen wie Wilhelm Melcher (Melos-Quartett), bei dem sie von 1992 bis 1996 ein Vorklassenstudium absolvierte. Nach dem Abitur lernte sie ein Jahr bei David Takeno an der Guildhall School of Music and Drama in London. Und sie nahm Meisterkurse bei Norbert Brainin (Amadeus Quartet), Dorothy DeLay (Juilliard School of Music), Shlomo Mintz und anderen. Seit zwei Jahren studiert sie in Wien bei Günter Pichler, Primgeiger des Alban-Berg-Quartetts. Längst hat sie alle großen romantischen Violinkonzerte einstudiert und gespielt. Zur Zeit interessiert sie sich für die Komponisten der klassischen und zeitgenössischen Moderne wie Bela Bartók oder Luciano Berio und befasst sich auch mit historischen Grundlagen der Musik. Und sie hat vor, ihre Zuhörer künftig hin und wieder durch einen Eingangsvortrag in die von ihr gespielten Werke einzuführen. Vorerst kann man sie auf der gerade beim belgischen Label Pavane erscheinenden CD mit Kammermusikwerken von Antonin Dvorák bewundern (ADW 7418).
Valeska Schorling
AMADEO: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten großen Auftritt?
BECKER-BENDER:
Natürlich. Das war mein Debüt als Solistin, vor zehn Jahren. Auf dem Programm stand Mozart. Ich wurde erstmals von einem ganzen Orchester begleitet. Das war ein Erlebnis, weil ich plötzlich lauter neue Farben, neue Strukturen entdeckt habe.
AMADEO:
Wie war die Stimmung?
BECKER-BENDER:
Sehr feierlich. Es fand in der Residenz in Salzburg statt, im Rittersaal, in dem Mozart einst als Kind aufgetreten ist. Am Schluss fühlte ich mich glücklich wie selten zuvor.
AMADEO:
Hatten Sie Lampenfieber?
BECKER-BENDER:
Nein, keine Nervosität. Aber ich brauche immer eine gewisse positive Anspannung. Ich muss mitleben, sonst springt kein Funke zum Publikum über.
AMADEO:
Kommen Ihre Eltern zu den Konzerten mit?
BECKER-BENDER:
Manchmal. Ich bin dann sehr dankbar, jemanden dabei zu haben, mit dem ich reden kann und der mich gegebenenfalls auch kritisiert.
AMADEO:
Wie bereiten Sie sich auf ein Konzert vor?
BECKER-BENDER:
Zum Studium des Notentexts gehört für mich auch die Beschäftigung mit der Vita des Komponisten, seinem historischen Umfeld. Auch lese ich Werkanalysen und prüfe, ob es mehrere Fassungen gibt. Diese Vorbereitung kann in manchen Fällen schneller gehen, bei vielen großen Werken wie dem Violinkonzert von Brahms muss dann aber ein langer, vielleicht lebenslanger Reifeprozess folgen, für den häufige Aufführungen wichtig sind. Denn endgültige Interpretationen für tiefsinnige Werke gibt es nicht.
AMADEO:
Was hat Ihnen Wilhelm Melcher, einer Ihrer ersten Lehrer, beigebracht?
BECKER-BENDER:
Er hat nie gesagt: "Hier ist ein Programm, das muss gelernt werden." Vielmehr war er mir ein Vorbild in seiner natürlichen Art, Musik zu machen, sie von innen heraus zu empfinden und farbenreich und lebendig zu gestalten.
AMADEO:
Seit zwei Jahren studieren Sie in Wien.
BECKER-BENDER:
Ja, bei Günter Pichler, dem ersten Geiger des Alban-Berg-Quartetts. Ich bin dorthin gegangen, um Repertoire und die alte Wiener Klassik an der Quelle zu lernen - und die Moderne natürlich auch.
AMADEO:
Würden Sie sich selbst als ehrgeizig bezeichnen?
BECKER-BENDER:
Das bin ich sicher auch. Aber vor allem deshalb, weil ich die Musik und das Musizieren grenzenlos liebe.
AMADEO:
Wie viel üben Sie?
BECKER-BENDER:
In der Regel mehrere Stunden täglich.
AMADEO:
Da bleibt wenig Zeit für anderes.
BECKER-BENDER:
Ja, leider. Ich möchte zum Beispiel weitere Fremdsprachen lernen. Auch hat mich die Mathematik in der Schule immer sehr interessiert, damit würde ich mich gerne weiter beschäftigen. Aber das Leben ist nun mal zu kurz, um all das gleichzeitig machen zu können, was interessant ist.
AMADEO:
Bei was erholen Sie sich?
BECKER-BENDER:
Ich lese viel, zum Beispiel Robert Musil oder Max Frisch. Und ich treibe sehr gerne Sport.
AMADEO:
Vor kurzem haben Sie bei einem Konzert dem Publikum erstmals eine Einführung in das Werk gegeben. Wollen Sie das jetzt öfter machen?
BECKER-BENDER:
Es wird sicher nicht bei allen Konzerten möglich sein, aber es liegt mir schon am Herzen, dem Hörer wichtige zusätzliche Informationen zu geben. Der Gedanke ist mir gekommen, als eine Stuttgarter Professorin eine Einführung zu Alban Bergs Violinkonzert gegeben hat. In einem solchen Werk steckt so viel, was dem Hörer beim ersten Hören alles gar nicht bewusst werden kann.
AMADEO:
Sind Sie eine verkappte Pädagogin?
BECKER-BENDER:
Nein. Aber es macht mir Spaß, mit anderen zu kommunizieren und etwas zu vermitteln. Ich habe zwei jüngere Schwestern, die auch musizieren. Mit denen habe ich früher manchmal gemeinsam gearbeitet. Die eine spielt Bratsche, die andere Geige.
AMADEO:
Das klingt nach einem Streichertrio?
BECKER-BENDER:
Wir spielen privat öfter zusammen. Vielleicht ja auch mal öffentlich. Beide sind sehr begabt.
AMADEO:
Wie sieht Ihr Leben in zehn Jahren aus?
BECKER-BENDER:
Ich hoffe, dass ich viel spielen, viel reisen kann, dass es zu zahlreichen CD-Aufnahmen kommt und dass meine Arbeit in der musikalischen Öffentlichkeit auf positive Resonanz stößt. Was die nähere Zukunft betrifft, so werde ich als eines meiner nächsten Projekte alle Sonaten von Bach aufführen. Auch das Violinkonzert von Elgar gehört zu meinen nächsten Vorhaben, ich werde es in den USA spielen.
Interview: Sven Siedenberg
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